F20.0 Paranoide Schizophrenie

Das Wichtigste in Kürze: 

🎯 Kernmerkmal: Vorherrschen von Positivsymptomatik (Wahn und Halluzinationen) bei meist stabilen kognitiven und affektiven Funktionen.

🔊 Leitsymptome:
Akustische Halluzinationen, Verfolgungswahn, Ich-Störungen.

📋 ICD-11 Update: F20.0 entfällt → Schizophrenie (6A20) mit Positiv-Symptom-Dimension

 Doku-Tipp: Dauer ≥ 1 Monat + aktive Abgrenzung F22 dokumentieren. 

Definition

Die paranoide Schizophrenie ist die häufigste Unterform der Schizophrenie. Sie ist gekennzeichnet durch das Vorherrschen von Wahnvorstellungen und Halluzinationen, bei im Vergleich zu anderen Subtypen meist weniger ausgeprägten Störungen von Affekt, Denken und Psychomotorik.

Typisch sind Verfolgungs-, Beeinträchtigungs-, Beziehungs- oder Größenwahn sowie akustische Halluzinationen, häufig in Form kommentierender oder dialogisierender Stimmen.

Diagnosekriterien nach ICD-10

Mindestens EINES der folgenden Symptome (Erstrangsymptome nach Schneider)

  • Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder -entzug

  • Wahnvorstellungen (Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Größenwahn)

  • Kommentierende oder dialogisierende akustische Halluzinationen

Oder mindestens ZWEI dieser Symptome 

  • Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität mit Wahnbezug

  • Formale Denkstörungen (Gedankenabreißen, Neologismen, Zerfahrenheit)

  • Katatone Symptome (Stupor, Erregung, Flexibilitas cerea)

  • Negative Symptome (Affektverflachung, Alogie, sozialer Rückzug)

Pflichtkriterien (immer erforderlich)

  • Symptomdauer ≥ 1 Monat (durchgehend oder episodisch)
  • Ausschluss organischer Ursachen (Substanzen, ZNS-Erkrankung, Stoffwechsel)

Update zu ICD-11

Mit der ICD-11 hat die WHO das Konzept fester Subtypen aufgegeben. Statt F20.0 Paranoid, F20.1 Hebephrenie, F20.2 Kataton gibt es nur noch einen Hauptcode (6A20 Schizophrenie), der durch Symptomdimensionen und Verlaufsspezifizierer differenziert wird.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz bleibt ICD-10 vorerst für die Abrechnung verbindlich.

ICD-10 

  • Diagnosekonzept: Kategoriale Subtypen: F20.0 Paranoid, F20.1 Hebephrenie, F20.2 Kataton, F20.3 Undifferenziert, F20.5 Residual

  • Hauptcode F20.0: Paranoide Schizophrenie – definiert durch vorherrschende Positivsymptomatik

  • Symptomerfassung: Implizit durch Subtyp – kein Anforderung, alle Dimensionen zu dokumentieren

  • Verlaufscodierung: 5. Stelle: .x0 kontinuierlich, .x1 episodisch-remittierend, .x2 episodisch-progredient

  • Negativsymptome: Nur bei F20.5 (Residual) oder F20.1 (Hebephrenie) im Vordergrund – kein Spezifizierer

  • Problem in der Praxis: Subtypen im Krankheitsverlauf instabil – Patienten wechseln häufig zwischen F20.0 und F20.3

  • Gültigkeit: Verbindlich für Abrechnungen in DACH Region.

    ICD-11

    • Diagnosekonzept: Dimensionaler Ansatz – keine Subtypen. Ein Hauptcode mit multiplen Spezifizierern

    • Hauptcode 6A20: Schizophrenie – abgelöst durch 5 Symptomdimensionen als Zusatzcodierungen

    • Symptomdimensionen: ① Positivsymptome ② Negativsymptome ③ Depressive Symptome ④ Manische Symptome ⑤ Psychomotorische Symptome

    • Verlaufscodierung: Spezifizierer: Erstepisode / Mehrfachepisode / Kontinuierlich / Remission (partiell/vollständig)

    • Negativsymptome: Eigene Dimension – im Verlauf separat bewertbar, unabhängig vom dominanten Bild bei Aufnahme

    • Vorteil in der Praxis: Verlaufsadaptiert: Symptomdimensionen können sich ändern ohne Diagnosewechsel

    • Gültigkeit: WHO-Standard seit 2022 – in DACH Region noch nicht für Abrechnung eingeführt

      F20.0 vs. F22 vs. F25 – Abgrenzungstabelle

       

      Merkmal F20.0 Paranoide Schizophrenie F22 Wahnhafte Störung F25 Schizoaffektive Störung
      Wahn ✓ Systematisiert + weitere Symptome ✓ Isoliert, hoch systematisiert ✓ Mit Affektkomponente
      Akust. Halluzinationen ✓ Kommentierend / dialogisch ✗ Fehlen oder minimal ✓ Möglich
      Ich-Störungen ✓ Häufig vorhanden ✗ Nicht vorhanden ✗ Selten
      Affektstörung ✗ Wenig ausgeprägt ✗ Nicht vorhanden ✓ Prominent (Manie/Depression)
      Dauer-Kriterium ✓ ≥ 1 Monat ✓ ≥ 3 Monate ✓ ≥ 2 Wochen gleichzeitig

      FAQ

      Wie grenze ich F20.0 von einer wahnhaften Störung (F22) ab?

      Bei F20.0 bestehen neben Wahn typischerweise akustische Halluzinationen (kommentierend/dialogisch) oder Ich-Störungen. Bei F22 fehlen diese Symptome – der Wahn ist systematisiert, aber isoliert. Der Nachweis von Halluzinationen oder Ich-Störungen ist das entscheidende Abgrenzungsmerkmal in der Dokumentation.

      Wie dokumentiere ich akustische Halluzinationen korrekt im AMDP-Befund?

      Differenzieren und explizit benennen: kommentierende Stimmen (begleiten das Handeln), dialogisierende Stimmen (zwei Stimmen sprechen miteinander), imperative Stimmen (geben Befehle). Diese Differenzierung ist klinisch und rechtlich relevant – insbesondere imperative Stimmen erhöhen das Fremdgefährdungsrisiko und müssen dokumentiert werden.

      Was sind die häufigsten Dokumentationsfehler bei F20.0?

      Fehlende Dokumentation der Symptomdauer (≥ 1 Monat für ICD-10), fehlende aktive Abgrenzung zur F22 im Befund, und unvollständige Beschreibung der Ich-Störungen. Im Austrittsbericht sollte der Verlauf der Suizidalität explizit festgehalten werden – das Suizidrisiko bei Schizophrenie ist 10-fach erhöht.

      Wie hoch ist das Suizidrisiko bei Schizophrenie konkret?

      Das Lebenszeitrisiko für Suizid beträgt ca. 5–10%, das Risiko für Suizidversuche liegt noch deutlich höher. Besondere Risikophasen: frühe Erkrankungsphase (erste 5 Jahre), Phase nach akuter Psychose mit einsetzender Krankheitseinsicht sowie depressive Episoden im Verlauf. Suizidalität und Fremdgefährdung müssen bei jeder Aufnahme und Entlassung strukturiert erhoben und explizit dokumentiert werden.

      Welche organische Ausschlussdiagnostik ist bei Erstpsychose obligat?

      Laut S3-Leitlinie (DGPPN) obligat: körperliche + neurologische Untersuchung, Differenzialblutbild, CRP, Leber-/Nierenwerte, TSH, Elektrolyte, Urintoxikologie, strukturelle Bildgebung (MRT bevorzugt). EKG vor Beginn jeder Antipsychotika-Therapie mit QTc-Risiko. Liquorpunktion + Autoantikörper-Diagnostik (NMDA-R, LGI1, CASPR2) bei Verdacht auf Autoimmunenzephalitis.

      Was versteht man unter der Dauer der unbehandelten Psychose (DUP) und warum ist sie relevant?

      Die DUP bezeichnet den Zeitraum zwischen Beginn der ersten psychotischen Symptome und Einsetzen einer adäquaten antipsychotischen Therapie. Eine lange DUP — in Deutschland durchschnittlich ca. 1 Jahr — ist ein wesentlicher Prädiktor für schlechteres Outcome (Symptomverlauf, Kognition, soziale Reintegration). Im Austrittsbericht sollte der vermutliche Erkrankungsbeginn retrospektiv eingeschätzt und dokumentiert werden.

      Wie lange muss die antipsychotische Therapie nach einer Episode weitergeführt werden?

      Die S3-Leitlinie empfiehlt eine episodenabhängige Erhaltungstherapie: nach der ersten Episode mindestens 1–2 Jahre, nach der zweiten Episode mindestens 5 Jahre, nach der dritten oder weiteren Episoden ist Langzeittherapie oder lebenslange Behandlung zu erwägen. Absetzversuche sollten ausschliesslich schrittweise und unter engmaschiger Kontrolle erfolgen. Diese Empfehlung gehört immer explizit ins Procedere des Austrittsberichts.

      Wann ist Depotmedikation indiziert und welche Präparate stehen zur Verfügung?

      Depot-Antipsychotika (LAI) laut S3-Leitlinie besonders geeignet bei: Adhärenzproblemen in der Vorgeschichte, häufigen Rückfällen trotz oraler Therapie, und auf Patientenwunsch. Verfügbare Depot-Atypika: Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol, Olanzapin, Flupentixol. Entscheidung im Sinne von Shared Decision Making treffen und im Austrittsbericht dokumentieren.

      Autor: 

      Dr. med. univ

      Robert Trojak

       

      • Assistenzarzt für Psychiatrie
      • Gründer Psychiatrie Digital