F23.0 Akute polymorphe psychotische Störung ohne Symptome einer Schizophrenie

Das Wichtigste in Kürze: 

✓ Kernmerkmal: Ein „psychotisches Chaos“ mit abruptem Beginn (innerhalb von 2 Wochen) und sich stündlich oder täglich ändernden Symptomen.

✓ Leitsymptome: Wechselhafte Halluzinationen und Wahnvorstellungen, begleitet von starker emotionaler Instabilität (Angst, Ekstase oder Reizbarkeit). Wichtig: Keine stabilen schizophrenen Symptome.

✓ ICD-11 Update: Wird unter der neuen Kategorie 6A23 (Akute und vorübergehende psychotische Störung) zusammengefasst. Die ICD-11 vereinfacht die Subtypen und betont das Zeitkriterium.

✓ Prognose: Meist exzellent; die Episode bildet sich oft innerhalb weniger Tage oder Wochen vollständig zurück (Remission ad integrum).

✓ Doku-Tipp: Dokumentieren Sie präzise den raschen Wechsel der Symptomatik (Polymorphie) und den zeitlichen Onset. Dies ist entscheidend, um die Diagnose gegenüber einer beginnenden Schizophrenie (F20) abzugrenzen.

Definition

Eine akut einsetzende psychotische Störung mit rasch wechselnden, vielfältigen psychotischen Symptomen, bei der keine eindeutigen schizophrenen Symptome auftreten.

Der Verlauf ist kurz, häufig stressassoziiert und meist vollständig reversibel.

Diagnosekriterien nach ICD-10

    • Akuter Beginn (innerhalb von ≤ 2 Wochen)

    • Polymorphe Symptomatik (rascher Wechsel von Wahn, Halluzinationen, Affekten)

    • Keine typischen schizophrenen Symptome

    • Gesamtdauer < 3 Monate

    • Vollständige oder weitgehende Remission

Update zu ICD-11

  • Einheitliche Kodierung: Die komplexen Unterteilungen der ICD-10 (wie F23.0, F23.1 etc.) werden primär unter 6A23 (Acute and transient psychotic disorder) zusammengeführt.
  • Onset-Kriterium: Die ICD-11 hält am entscheidenden Merkmal fest: Die Symptome müssen sich innerhalb von maximal zwei Wochen von einem nicht-psychotischen Zustand zu einem voll-psychotischen Bild entwickeln.

  • Dauerkriterium: Eine 6A23-Diagnose ist zeitlich streng begrenzt. Bestehen die Symptome länger als 3 Monate, muss die Diagnose in Schizophrenie (6A20) oder eine wahnhafte Störung (6A24) geändert werden. Die meisten Fälle von F23.0 bilden sich jedoch bereits nach wenigen Wochen zurück.

  • Wegfall der „Schizophrenie-Symptom“-Unterscheidung: Während die ICD-10 akribisch zwischen „mit“ (F23.1) und „ohne“ (F23.0) schizophrenen Symptomen unterscheidet, sieht die ICD-11 dies eher als Teil eines Spektrums innerhalb der akuten Störungen.

  • Stress-Spezifizierer: Es kann zusätzlich kodiert werden, ob die Störung durch eine akute Belastung (z. B. Trauma, schwerer Verlust) ausgelöst wurde.

FAQ

Wie schliesse ich eine substanzinduzierte Psychose aus?

Urintoxikologie und strukturierte Fremdanamnese sind obligat. Eine substanzinduzierte Psychose (F1x.5) wird wahrscheinlicher, wenn Symptome direkt zeitlich mit Substanzkonsum assoziiert sind und sich innerhalb der erwarteten Wirkdauer vollständig zurückbilden. Halten Symptome deutlich länger an oder bestehen ohne Substanzkonsum, spricht das für F23.0.

Welche organische Ausschlussdiagnostik ist obligat?

Differenzialblutbild, CRP, Elektrolyte, Leber- und Nierenwerte, TSH, Urintoxikologie, strukturelle Bildgebung (MRT), EKG. Bei akutem Beginn, katatonen Symptomen oder fokal-neurologischen Zeichen: Liquordiagnostik und Autoantikörper (NMDA-R) erwägen.

Wie hoch ist das Risiko, nach F23.0 eine Schizophrenie zu entwickeln?

Etwa 20–30% der Betroffenen entwickeln im Verlauf eine Schizophrenie oder schizoaffektive Störung. Prädiktoren für schlechteren Verlauf: schleichender Beginn, lange DUP, Negativsymptome, familiäre Belastung. Die psychiatrische Nachsorge mit Verlaufsbeobachtung ist obligat und muss explizit im Procedere stehen.

Wie lange sollte die antipsychotische Therapie nach F23.0 weitergeführt werden?

Die meisten Leitlinien empfehlen nach einer ersten Episode eine Erhaltungstherapie von mindestens 12 Monaten. Danach kann ein behutsamer Absetzversuch unter engmaschiger Kontrolle erwogen werden. Abruptes Absetzen ist kontraindiziert.

Was versteht man unter der DUP und wie dokumentiere ich sie?

Die DUP bezeichnet den Zeitraum zwischen erstem Auftreten psychotischer Symptome und Therapiebeginn. Im Austrittsbericht sollte der vermutliche Erkrankungsbeginn (aus Anamnese oder Fremdanamnese) festgehalten werden — er ist prognostisch relevant und wichtig für die ambulante Weiterbetreuung.