F20.2 Katatone Schizophrenie

Das Wichtigste in Kürze:

✓ Kernmerkmal: Dominanz schwerer psychomotorischer Störungen (von Bewegungsstarre bis hin zu extremer Erregung).

✓ Leitsymptome: Stupor, Mutismus, Negativismus, Haltungsstereotypien und katatone Erregung.

✓ ICD-11 Update: Der eigenständige Subtyp entfällt. Die Diagnose wird als Schizophrenie (6A20) mit dem Spezifizierer für psychomotorische Symptome oder dem Zusatzcode Katatonie (6A40) kodiert.

✓ Klinische Relevanz: Hohe Akutgefahr durch Nahrungs-/Flüssigkeitsverweigerung; Risiko einer „perniziösen Katatonie“ (lebensbedrohlicher Notfall).

✓ Doku-Tipp: Dokumentieren Sie spezifische Bewegungsmuster (z.B. Flexibilitas cerea), um die medizinische Notwendigkeit einer Intensivbehandlung oder EKT-Indikation zu begründen.

Definition

Die katatone Schizophrenie ist eine Unterform der Schizophrenie, bei der schwere psychomotorische Störungen im Vordergrund stehen. Diese können sich in Form von Bewegungsstarre (Stupor), Mutismus, Negativismus, Haltungsstereotypien oder auch starker psychomotorischer Erregung äußern.

Wahnvorstellungen und Halluzinationen können vorhanden sein, stehen jedoch nicht zwingend im Vordergrund. Der klinische Verlauf kann akut lebensbedrohlich sein, insbesondere durch Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung.

Diagnosekriterien nach ICD-10

Für die Diagnose müssen über mindestens einen Monat eindeutige psychotische Symptome bestehen. Für die Diagnose einer katatonen Schizophrenie müssen die allgemeinen Schizophreniekriterien erfüllt sein und mindestens einen Monat eindeutige psychotische Symptome bestehen. Der klinische Schwerpunkt liegt auf katatonen Symptomen.

Mindestens eines der folgenden Symptome:

  • Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder -entzug

  • Wahnvorstellungen (z. B. Verfolgungswahn)

  • Kommentierende oder dialogische Stimmen

Oder mindestens zwei dieser Symptome:

  • Anhaltende Halluzinationen mit Wahnbezug

  • Formale Denkstörungen

  • Katatone Symptome (Stupor, Erregung, Mutismus, Negativismus, Haltungsstereotypien)

  • Negative Symptome (Affektverflachung, sozialer Rückzug)

Andere Ursachen (z. B. Substanzen, organische Erkrankungen) müssen ausgeschlossen sein.

Update zu ICD-11

Mit der Einführung der ICD-11 wurde die Klassifikation der Schizophrenien grundlegend überarbeitet. Eine wesentliche Änderung betrifft den Wegfall der klassischen Subtypen, zu denen auch die katatone Schizophrenie (F20.2) gehörte.

Aufhebung der Subtypisierung

In der ICD-10 wurde die katatone Schizophrenie durch ausgeprägte psychomotorische Störungen charakterisiert, darunter katatone Erregung, Stupor, Mutismus, Negativismus oder Haltungsstereotypien. Diese Subtypisierung wurde in der ICD-11 aufgegeben, da katatone Symptome nicht spezifisch für Schizophrenie sind und auch bei anderen psychischen oder somatischen Erkrankungen auftreten können.

Neue ICD-11-Kodierung

In der ICD-11 wird die Erkrankung nicht mehr als eigener Subtyp geführt. Stattdessen erfolgt die Kodierung unter:

    • 6A20 Schizophrenie

Katatone Symptome werden nicht mehr über einen Subtyp, sondern über Spezifizierer beschrieben.

Zusätzlich existiert in der ICD-11 ein eigenständiger Code für Katatonie:

    • 6A40 Katatonie

Dieser kann zusätzlich vergeben werden, wenn katatone Symptome im Vordergrund stehen.

Symptomdimensionen und Spezifizierer in der ICD-11

Zur differenzierten klinischen Beschreibung werden folgende Dimensionen herangezogen:

    • Psychomotorische Symptome (z. B. Stupor, Erregung, Haltungsanomalien)

    • Positivsymptome (z. B. Wahn, Halluzinationen)

    • Negativsymptome

    • Desorganisation

    • Kognitive Beeinträchtigungen

    • Affektive Symptome

Ein klinisches Bild, das nach ICD-10 als katatone Schizophrenie (F20.2) diagnostiziert wurde, wird in der ICD-11 typischerweise beschrieben als:

Schizophrenie mit ausgeprägten psychomotorischen (katatonen) Symptomen
ggf. zusätzlich kodiert mit Katatonie (6A40)

Bedeutung für die psychiatrische Dokumentation

Für die klinische Dokumentation ergeben sich folgende Konsequenzen:

    • Der Begriff „katatone Schizophrenie“ kann weiterhin deskriptiv im Verlauf oder in historischen Diagnosen verwendet werden.

    • Die eigentliche Kodierung erfolgt als 6A20 Schizophrenie, ergänzt durch eine präzise Beschreibung der katatonen Symptomatik.

    • Bei ausgeprägter Katatonie kann zusätzlich der Code 6A40 vergeben werden.

    • Der Fokus liegt auf der aktuellen psychomotorischen Symptomatik und deren Schweregrad.

Übergang von ICD-10 zu ICD-11

In der klinischen Praxis findet häufig eine Parallelverwendung beider Klassifikationen statt:

    • ICD-10 F20.2 für Abrechnung, Statistik oder Altakten

    • ICD-11 6A20 ± 6A40 für moderne Diagnostik, Dokumentation und internationale Vergleichbarkeit

FAQ

Ist katatone Symptomatik immer psychiatrisch bedingt?

Nein — das ist der wichtigste klinische Fallstrick. Katatone Symptome können auch bei organischen Erkrankungen auftreten: Autoimmunenzephalitiden (insbesondere Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis), Elektrolytstörungen, Leberversagen und Substanzintoxikationen. Eine vollständige organische Ausschlussdiagnostik (Labor, MRT, Liquor bei Verdacht, Autoantikörper) ist vor der Diagnose F20.2 obligat.

Wie behandle ich einen katatonen Stupor akut?

Mittel der ersten Wahl ist Lorazepam i.v. (2–4 mg), das oft eine dramatische Sofortreaktion auslöst. Bei Versagen ist Elektrokonvulsionstherapie (EKT) hochwirksam und Mittel der zweiten Wahl. Klassische hochpotente Antipsychotika (v.a. Haloperidol) sind bei Katatonie kontraindiziert — sie können das Bild verstärken und ein malignes neuroleptisches Syndrom (MNS) triggern.

Wie dokumentiere ich katatone Symptome im Befund?

Zu dokumentieren: Psychomotorik (Stupor / Erregung / Mischbild), Mutismus, Negativismus, Katalepsie (Flexibilitas cerea), Stereotypien, Echolalie/Echopraxie. Der Lorazepam-Test und seine Reaktion (positiv/negativ/partiell) sollten explizit im Verlauf dokumentiert werden — er hat diagnostische und therapeutische Bedeutung. Besonders sinnvoll ist zudem noch zur Quantifizierung die Bush-Francis Catatonia Rating Scale. 

Wie kodiere ich, wenn eine organische Ursache gefunden wird?

Liegt eine organische Ursache vor, wird F06.1 (Katatonie durch organische Erkrankung) vergeben — nicht F20.2. Diese Unterscheidung ist klinisch und abrechnungstechnisch relevant und sollte im Austrittsbericht klar begründet werden.

Welche organische Ausschlussdiagnostik ist bei katatoner Erstmanifestation obligat?

Differenzialblutbild, CRP, Elektrolyte, Leber- und Nierenwerte, TSH, Urintoxikologie, strukturelle Bildgebung (MRT), EKG. Bei Verdacht auf Autoimmunenzephalitis: Liquorpunktion, NMDA-R-Antikörper, LGI1, CASPR2 — insbesondere bei akutem Beginn, epileptischen Anfällen oder fokal-neurologischen Zeichen. Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis imitiert klinisch häufig eine psychiatrische Erkrankung.

Was versteht man unter der DUP und warum ist sie bei F20.2 relevant?

Die DUP (Duration of Untreated Psychosis) bezeichnet den Zeitraum bis zum Therapiebeginn. Bei F20.2 ist sie oft kurz (akuter Beginn), aber eine verzögerte Diagnose durch Verwechslung mit organischen Ursachen verlängert sie. Der vermutliche Erkrankungsbeginn sollte im Austrittsbericht retrospektiv eingeschätzt werden.

Wie lange muss die antipsychotische Therapie nach F20.2 weitergeführt werden?

Analog zu anderen Schizophrenie-Subtypen: nach erster Episode mindestens 1–2 Jahre, nach zweiter mindestens 5 Jahre, nach weiteren Episoden Langzeittherapie erwägen. Depot-Antipsychotika können bei Adhärenzproblemen eingesetzt werden. Depot-Olanzapin ist bei katatoner Schizophrenie eine Option. Das Procedere mit konkreter Empfehlung zur Behandlungsdauer muss im Austrittsbericht stehen.