F24 Induzierte wahnhafte Störung (Folie à deux)

Das Wichtigste in Kürze: 

✓ Kernmerkmal: Ein Wahn wird von einer primär erkrankten Person („Induktor“) auf eine nahestehende, meist abhängige Person („Induzierter“) übertragen.

✓ Leitsymptome: Die induzierte Person übernimmt das Wahnsystem fast identisch; bei Trennung der Personen verschwindet der Wahn beim Induzierten oft (aber nicht immer) von selbst.

✓ ICD-11 Update: Wegfall der eigenständigen Diagnose. Fälle von induziertem Wahn werden nun direkt unter 6A24 (Wahnhafte Störung) kodiert.

✓ Klinische Relevanz: Häufig in engen, isolierten Beziehungen (Paare, Geschwister). Therapeutisch ist die (zumindest zeitweise) Trennung der Beteiligten oft der entscheidende Schritt.

✓ Doku-Tipp: Dokumentieren Sie für die ICD-10 die enge emotionale Bindung und die Tatsache, dass der Wahn beim Induzierten erst nach Kontakt mit dem Induktor entstand.

Definition

Die induzierte wahnhafte Störung ist eine seltene psychische Erkrankung, bei der eine Person (sekundär Betroffene) einen Wahn übernimmt, der ursprünglich von einer anderen, meist dominanten Person (primär Erkrankte) ausgeht.

Typisch ist eine enge emotionale Beziehung zwischen den Beteiligten (z. B. Partner, Elternteil–Kind, Geschwister).
Der Wahn wird nicht eigenständig entwickelt, sondern durch Nähe, Abhängigkeit und soziale Isolation übernommen.

Die primär erkrankte Person leidet meist an:

  • einer anhaltenden wahnhaften Störung (F22)

  • oder einer Schizophrenie (F20)

Nach Trennung von der primär erkrankten Person bildet sich der Wahn bei der sekundär Betroffenen häufig rasch zurück.

Diagnosekriterien nach ICD-10

Alle folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

1. Gemeinsamer Wahninhalt

    • Zwei (oder mehr) Personen teilen denselben Wahn

    • Inhalt, Struktur und Überzeugung sind nahezu identisch

    • Der Wahn ist nicht kulturell erklärbar

2. Enge Beziehung

    • Lang bestehende, emotionale oder soziale Bindung

    • Häufig soziale Isolation von der Außenwelt

    • Abhängigkeit (emotional, sozial oder praktisch)

3. Primär- und Sekundärperson

    • Primärperson: eigenständige wahnhafte Erkrankung

    • Sekundärperson:

      • entwickelt den Wahn erst im Kontakt

      • zeigt keine eigenständige psychotische Erkrankung

      • häufig geringere Intensität der Überzeugung

4. Rückbildung nach Trennung

    • Nach räumlicher oder emotionaler Trennung:

      • deutliche Abschwächung oder

      • vollständige Remission der Wahnsymptomatik bei der sekundären Person

5. Ausschlusskriterien

    • Keine Schizophrenie bei der sekundären Person

    • Keine organische Psychose

    • Keine substanzinduzierte Psychose

    • Keine affektive Störung mit psychotischen Symptomen

Update zu ICD-11

  • Neukodierung: Die Symptomatik wird nun unter 6A24 (Wahnhafte Störung) subsumiert.
  • Konzeptioneller Shift: Die ICD-11 betrachtet den induzierten Wahn nicht mehr als separate Entität, sondern als eine Variante der wahnhaften Störung. Die sozialen Umstände (die Induktion) können über Zusatzcodes für psychosoziale Faktoren beschrieben werden.

  • Diagnostische Flexibilität: Falls die induzierte Person die Kriterien einer Schizophrenie erfüllt (z. B. durch zusätzliche Halluzinationen), wird sie unter 6A20 (Schizophrenie) kodiert, unabhängig davon, ob der Wahn induziert wurde.

  • Fokus auf Phänomenologie: Die klinische Beschreibung konzentriert sich in der ICD-11 auf die Schwere und Dauer des Wahns (Dimensionen), was die Behandlungsplanung (z. B. antipsychotische Medikation vs. Milieutherapie) in den Vordergrund rückt.

FAQ

Wie kommt es zur Entstehung von F24?

Voraussetzungen sind: enge emotionale oder soziale Abhängigkeit, soziale Isolation, und eine primär psychotisch erkrankte Person (Induktor) mit systematisiertem Wahn. Der Induzierte übernimmt den Wahn passiv — ohne eigene psychotische Grunderkrankung. Häufig betroffen: Lebenspartner, Kinder oder pflegende Angehörige.

Was ist die wichtigste therapeutische Massnahme bei F24?

Die Trennung von Induktor und Induziertem. Nach Trennung remittiert der Wahn beim Induzierten häufig spontan. Der Induktor benötigt eine eigenständige psychiatrische Behandlung (meist F22 oder F20). Dies sollte im Procedere beider Patienten koordiniert werden — ggf. Einbezug des Sozialdiensts für Wohnsituation.

Wie dokumentiere ich F24 korrekt?

Beziehungskontext beschreiben, Wahninhalt und dessen Übernahme darstellen, soziale Isolationsmechanismen benennen. Im Procedere: getrennte Nachsorge für Induzierten und Induktor. Bei Kindern als Induzierte: Kindesschutz und Meldepflicht prüfen.

Wie häufig ist F24 und wird sie oft übersehen?

F24 ist selten, wird in der Praxis aber häufiger übersehen als zu häufig gestellt. Sie tritt am häufigsten in Paaren oder kleinen Familiengruppen auf, die sich von der sozialen Umgebung abgeschottet haben. Die Diagnose sollte aktiv erwogen werden, wenn mehrere Personen aus demselben Haushalt mit gleichem Wahninhalt vorgestellt werden.