F29 – Nicht näher bezeichnete nichtorganische Psychose

Das Wichtigste in Kürze: 

Kernmerkmal: Psychotische Zustände, bei denen die klinischen Informationen nicht ausreichen, um eine spezifischere Diagnose (z. B. Schizophrenie oder wahnhafte Störung) zu stellen.

✓ Leitsymptome: Nachgewiesener Realitätsverlust (Wahn, Halluzinationen), ohne dass die Dauer oder die genaue Phänomenologie bereits klar zugeordnet werden können.

✓ ICD-11 Update: Die Kategorie wird aufgelöst. Entsprechende Fälle werden als 6A2z (Nicht näher bezeichnete primäre psychotische Störung) kodiert.

✓ Klinische Bedeutung: Typische „Eingangsdiagnose“ in der Notaufnahme. Sie hat einen hohen Zeitdruck-Charakter.

✓ Doku-Tipp: Nutzen Sie F29 niemals als dauerhafte Diagnose. Im stationären Verlauf sollte sie innerhalb der ersten Tage durch eine spezifischere F2x-Diagnose ersetzt werden, sobald die (Fremd-)Ananamnese vorliegt.

Definition

Die Diagnose F29 wird verwendet, wenn eine eindeutig psychotische Symptomatik vorliegt, diese jedoch zum aktuellen Zeitpunkt nicht näher klassifiziert werden kann.
Sie dient als vorläufige Arbeitsdiagnose, insbesondere in akuten klinischen Situationen, wenn noch nicht genügend Informationen über Verlauf, Dauer, Auslöser oder Symptomstruktur vorliegen.

Typische Einsatzbereiche sind:

    • psychiatrische Aufnahmesituationen

    • Notfallbehandlungen

    • erstmaliges Auftreten einer Psychose

    • fehlende Anamnese oder Fremdanamnese

F29 beschreibt keine eigene Krankheitsentität, sondern einen diagnostischen Platzhalter, der im weiteren Verlauf präzisiert oder ersetzt werden soll.

Diagnosekriterien nach ICD-10

1. Vorliegen einer psychotischen Symptomatik

Mindestens eines der folgenden Symptome ist eindeutig vorhanden:

    • Wahnvorstellungen

    • Halluzinationen

    • schwere formale Denkstörungen

    • Ich-Störungen

    • deutlich psychotisches Verhalten

2. Nichtorganische Ursache

    • Keine Hinweise auf:

      • Delir

      • Demenz

      • neurologische Erkrankung

      • strukturelle Hirnschädigung

3. Keine substanzinduzierte Psychose

    • Keine akute Intoxikation

    • Kein Entzugssyndrom

    • Keine Medikamentenpsychose

4. Fehlende diagnostische Zuordenbarkeit

Eine sichere Zuordnung ist noch nicht möglich zu:

    • F20 Schizophrenie

    • F21 Schizotype Störung

    • F22 Anhaltende wahnhafte Störung

    • F23 Akute psychotische Störung

    • F24 Induzierte wahnhafte Störung

    • F25 Schizoaffektive Störung

    • F28 Sonstige nichtorganische Psychose

5. Vorläufiger Charakter

      • Diagnose ist zeitlich begrenzt

      • Re-Evaluation im Verlauf erforderlich

Update zu ICD-11

  • Neukodierung: Die Diagnose wird nun unter 6A2z (Primary psychotic disorder, unspecified) geführt.
  • Konzeptioneller Shift: Die ICD-11 streicht das Wort „nichtorganisch“ aus dem Titel. Stattdessen wird durch die Einordnung in das Kapitel der primären psychotischen Störungen impliziert, dass keine bekannte sekundäre (organische) Ursache vorliegt.
  • Dimensionale Flexibilität: Auch wenn die Diagnose „nicht näher bezeichnet“ ist, erlaubt die ICD-11 dem Kliniker, bereits erkannte Tendenzen (z. B. eine ausgeprägte psychomotorische Störung) über Dimensionen zu markieren, ohne sich auf einen Subtyp wie „Katatonie“ festlegen zu müssen.
  • Aufforderung zur Re-Evaluation: Die ICD-11-Struktur ist darauf ausgelegt, dass unspezifische Codes wie 6A2z im Zeitverlauf in spezifische Codes wie 6A20 (Schizophrenie) oder 6A23 (Akute Psychose) überführt werden, sobald das Zeitkriterium oder die Symptomkonstellation klarer wird.

FAQ

Wann ist F29 die richtige Diagnose?

F29 wird vergeben, wenn eine nichtorganische Psychose eindeutig vorliegt, aber aufgrund unzureichender Informationen (fehlende Fremdanamnese, Sprachbarriere, akuter Krisenkontext, unklarer Verlauf) keine spezifischere Einordnung möglich ist. F29 ist ausschliesslich als vorläufige Diagnose gedacht — sie sollte nach vollständiger Abklärung immer revidiert werden.

Wie unterscheidet sich F29 von F23.9?

Beide sind Verlegenheitsdiagnosen bei diagnostischer Unsicherheit. F23.9 wird spezifisch für akute, vorübergehende psychotische Episoden verwendet — also wenn ein akuter Beginn und eine zu erwartende Remission im Vordergrund stehen. F29 ist breiter und wird verwendet, wenn unklar ist, ob die Psychose akut-vorübergehend oder chronisch-persistierend sein wird.

Welche Differentialdiagnosen müssen bei F29 aktiv ausgeschlossen werden?

Organische Psychose (F06.x) durch Labor, Bildgebung und neurologische Untersuchung; substanzinduzierte Psychose (F1x.5) durch Toxikologie und Fremdanamnese; affektive Störung mit Psychose (F30.2, F32.3); Schizophrenie (F20.x) und schizoaffektive Störung (F25.x). Der Ausschlussprozess muss im Aufnahmebefund dokumentiert sein — er ist medicolegaler Schutz.

Was gehört zwingend in den Austrittsbericht bei F29?

Explizite Begründung der diagnostischen Unsicherheit, Zusammenfassung der durchgeführten Ausschlussdiagnostik, bisheriges Ansprechen auf antipsychotische Therapie, und im Procedere: klarer Auftrag an den ambulanten Psychiater zur Diagnosepräzisierung im Verlauf. Eine persistierende F29-Kodierung ohne Revisionsplan ist dokumentarisch unvollständig.