F22 Anhaltende wahnhafte Störung
Das Wichtigste in Kürze:
✓ Kernmerkmal: Langandauernder, meist systematisierter Wahn als dominantes oder einziges Symptom, ohne die für Schizophrenie typischen Halluzinationen oder Ich-Störungen.
✓ Leitsymptome: Realitätsnahe Wahninhalte (z. B. Verfolgung, Eifersucht, Erotomanie, Krankheit), wobei das soziale Funktionsniveau außerhalb des Wahnthemas oft bemerkenswert gut erhalten bleibt.
✓ ICD-11 Update: Neukodierung unter 6A24 (Wahnhafte Störung). Wichtigste Änderung: Die bisherige „induzierte wahnhafte Störung“ (F24, Folie à deux) wird nun ebenfalls hier integriert.
✓ Klinische Herausforderung: Oft mangelnde Krankheitseinsicht und hohe Stabilität des Wahnsystems; therapeutisch steht der Aufbau eines stabilen Arbeitsbündnisses im Vordergrund.
✓ Doku-Tipp: Für die F22-Diagnose muss der Wahn mindestens 3 Monate bestehen. Grenzen Sie scharf gegen die paranoide Schizophrenie (F20.0) ab, indem Sie das Fehlen von formalen Denkstörungen und bizarren Wahninhalten explizit erwähnen.
Definition
Die anhaltende wahnhafte Störung ist eine chronische psychische Erkrankung, bei der über einen längeren Zeitraum stabile, in sich schlüssige Wahnvorstellungen bestehen.
Im Gegensatz zur Schizophrenie fehlen typische schizophrene Symptome wie formale Denkstörungen, anhaltende Halluzinationen oder deutliche Negativsymptome weitgehend oder vollständig.
Der Wahn ist häufig systematisiert, logisch aufgebaut und betrifft meist einen klar umrissenen Lebensbereich (z. B. Eifersucht, Verfolgung, Körper, Beziehungen).
Außerhalb des Wahnthemas sind Persönlichkeit, Denken und soziales Funktionsniveau oft relativ gut erhalten.
Diagnosekriterien nach ICD-10
Für die Diagnose F22 Anhaltende wahnhafte Störung müssen alle folgenden Kriterien erfüllt sein:
1. Dauer der Symptomatik
-
-
Der Wahn besteht mindestens 3 Monate
-
Die Wahninhalte sind über die Zeit relativ konstant
-
2. Art der Wahnvorstellungen
-
-
Nicht-bizarre, realitätsnahe Wahnideen, z. B.:
-
Verfolgungswahn
-
Eifersuchtswahn
-
Beziehungswahn
-
Querulatorischer Wahn
-
Somatischer Wahn
-
-
Die Inhalte sind kulturell nicht erklärbar
-
Die Betroffenen sind von der Richtigkeit der Überzeugungen überzeugt
-
3. Fehlen typischer schizophrenen Symptome
-
-
Keine anhaltenden:
-
kommentierenden oder dialogischen Stimmen
-
Gedankenentzug, -eingebung oder -ausbreitung
-
formalen Denkstörungen
-
ausgeprägten Negativsymptome
-
-
Halluzinationen, wenn vorhanden, sind nicht dominant und stehen im Bezug zum Wahn
-
4. Affekt und Verhalten
-
-
Affekt und Verhalten sind außerhalb des Wahnthemas weitgehend unauffällig
-
Keine ausgeprägte Affektverflachung oder Desorganisation
-
5. Ausschlusskriterien
-
-
Keine Schizophrenie (F20)
-
Keine schizoaffektive Störung (F25)
-
Keine affektive Störung mit psychotischen Symptomen
-
Keine organische Ursache (z. B. neurologische Erkrankung)
-
Keine substanzinduzierte Psychose
-
Update zu ICD-11
-
Neue Kodierung: Die Störung heißt nun schlicht 6A24 (Wahnhafte Störung).
-
Zusammenführung von Diagnosen: Die ICD-11 löst die ICD-10 Kategorie F24 (Induzierte wahnhafte Störung) auf. Fälle, in denen ein Wahn von einer anderen Person übernommen wird, werden nun ebenfalls unter 6A24 kodiert.
-
Zeitkriterium: Die Mindestdauer von 3 Monaten bleibt als wichtiges Abgrenzungsmerkmal zu akuten vorübergehenden psychotischen Störungen bestehen.
-
Symptom-Spezifizierer: Wie bei der Schizophrenie können auch bei der wahnhaften Störung Zusatzcodes für den aktuellen Zustand verwendet werden:
-
6A24.0: Gegenwärtig symptomatisch
-
6A24.1: In Teilremission
-
6A24.2: In Vollremission
-
-
Ausschluss von Halluzinationen: Die ICD-11 ist hier sehr strikt: Treten eindeutige und anhaltende Halluzinationen auf, ist die Diagnose Schizophrenie (6A20) oder eine andere psychotische Störung zu prüfen.