F23.0 Akute polymorphe psychotische Störung ohne Symptome einer Schizophrenie
Das Wichtigste in Kürze:
- Kernmerkmal: Ein rasch wechselndes psychotisches Bild mit abruptem Beginn (innerhalb von 2 Wochen) und sich stündlich oder täglich änderndem Wahn und Halluzinationen – ohne jegliche für Schizophrenie typischen Symptome.
- Leitsymptome: Wechselhafte Wahnvorstellungen und Halluzinationen, begleitet von starker emotionaler Instabilität (Angst, Ekstase oder Reizbarkeit); keine Ich-Störungen, kein bizarrer systematisierter Wahn.
- ICD-11-Hinweis: Wird unter 6A23 (Akute und vorübergehende psychotische Störung) zusammengefasst; die ICD-11 vereinfacht die Subtypen und betont vor allem das Zeitkriterium.
- Doku-Tipp: Den raschen Wechsel der Symptomatik (Polymorphie) und den zeitlichen Onset präzise dokumentieren – das ist entscheidend, um die Diagnose gegenüber einer beginnenden Schizophrenie abzugrenzen.
Definition
F23.0 beschreibt eine akut einsetzende psychotische Störung mit rasch wechselnden, vielfältigen psychotischen Symptomen – Wahn, Halluzinationen, starke affektive Instabilität –, bei der zu keinem Zeitpunkt der Episode eindeutige schizophrene Symptome auftreten. Der Verlauf ist kurz, häufig mit einer erkennbaren akuten Belastung assoziiert und in der Regel vollständig reversibel. Tritt auch nur ein schizophrenes Symptom (z. B. eine Ich-Störung) auf, ist die Diagnose auf F23.1 umzukodieren.
Diagnosekriterien nach ICD-10
Muss-Kriterien
- Akuter Beginn: Entwicklung des Vollbildes innerhalb von maximal 2 Wochen
- Polymorphe Symptomatik: rascher Wechsel von Wahn, Halluzinationen und Affekten im Tages- oder Stundenverlauf
- Keine für Schizophrenie typischen Symptome (keine Ich-Störungen, keine kommentierenden/dialogischen Stimmen, kein bizarrer systematisierter Wahn)
- Gesamtdauer unter 3 Monaten, vollständige oder weitgehende Remission
Kann-Kriterien (unterstützend, nicht obligat)
- Ausgeprägte affektive Instabilität (Angst, Ekstase, Reizbarkeit) begleitend
- Psychosoziale Belastungsfaktoren bzw. ein akutes Stressereignis im Vorfeld häufig, nicht obligat
- Perplexität bzw. Ratlosigkeit möglich
Ausschlusskriterien
- Nicht besser erklärbar durch Substanzwirkung
- Nicht besser erklärbar durch eine organische Erkrankung
- Nicht besser erklärbar durch eine affektive Störung mit psychotischen Symptomen
- Auftreten schizophrener Symptome zu irgendeinem Zeitpunkt: Umkodierung auf F23.1 bzw. F20.x
Abgrenzungstabelle
| Merkmal | F23.0 | F23.1 (mit Schizophreniesymptomen) | F30.2/F32.3 (affektive Psychose) |
| Schizophrene Symptome | Keine | Zeitweise vorhanden | Keine |
| Führendes Symptom | Polymorpher Wechsel von Wahn/Halluzinationen mit affektiver Instabilität | Wie F23.0, zusätzlich schizophrene Symptome | Stimmung (manisch oder depressiv) als führendes Symptom |
| Stimmungskongruenz der psychotischen Inhalte | Meist nicht kongruent, wechselnd | Meist nicht kongruent | Meist kongruent zur Grundstimmung |
| Prognose | Sehr gut, meist vollständige Remission | Etwas ungünstiger als F23.0 | Abhängig von der affektiven Grunderkrankung |
Psychopathologische Musterbefunde nach AMDP
Akutphase
Bewusstseinsklar, Orientierung durch die rasche Symptomfluktuation situativ erschwert überprüfbar, im Kern erhalten. Im Kontakt stark wechselhaft, innerhalb kurzer Zeit zwischen guter Zugänglichkeit, Ratlosigkeit und ängstlichem Rückzug pendelnd. Formal sprunghaft, im Tagesverlauf wechselnd zwischen kohärenten und schwerer nachvollziehbaren Phasen, keine durchgehende Zerfahrenheit. Inhaltlich rasch wechselnde Wahnthemen ohne durchgehendes Thema, ohne die für Schizophrenie typische Bizarrheit oder Systematisierung. Wechselnde, teils flüchtige Sinnestäuschungen unterschiedlicher Modalität werden berichtet. Keine Ich-Störungen. Affektiv stark instabil, rascher Wechsel zwischen Angst, ekstatischer Erregung und Gereiztheit, oft ohne erkennbaren äußeren Anlass. Antrieb und Psychomotorik ebenfalls fluktuierend, Phasen ausgeprägter Unruhe wechseln mit kurzen ruhigeren Abschnitten. Keine Krankheitseinsicht. Auf Nachfrage keine eindeutigen Suizidgedanken eruierbar; aufgrund der ausgeprägten Fluktuation und affektiven Instabilität engmaschige Beobachtung notwendig, Fremd- und Selbstgefährdung situativ nicht sicher auszuschließen.
Besserung unter Therapie
Bewusstseinsklar, orientiert. Im Kontakt zunehmend konsistent zugänglich, das vormals starke Wechselbild normalisiert sich. Formal überwiegend kohärenter Gedankengang. Inhaltlich rückläufige, in Anzahl und Intensität abnehmende Wahnthemen, zunehmend kritische Distanzierung. Keine aktuellen Sinnestäuschungen mehr berichtet. Keine Ich-Störungen. Affektiv deutlich stabiler, weniger labil, adäquate Schwingungsfähigkeit. Antrieb und Psychomotorik zunehmend einheitlich und ruhiger. Beginnende Krankheitseinsicht, die Episode wird zunehmend als Ausnahmezustand reflektiert. Auf Nachfrage keine Suizidgedanken, keine Hinweise auf Fremdgefährdung.
Remission
Bewusstseinsklar, vollständig orientiert. Im Kontakt unauffällig, konsistent zugewandt. Formal kohärenter, unauffälliger Gedankengang. Keine wahnhaften Inhalte, keine Sinnestäuschungen, keine Ich-Störungen. Affektiv ausgeglichen, adäquat schwingungsfähig. Antrieb und Psychomotorik im Normbereich. Gute Krankheitseinsicht, eigenständige Reflexion der Episode sowie möglicher auslösender Belastungsfaktoren. Auf Nachfrage keine Suizidgedanken, keine Hinweise auf Fremd- oder Selbstgefährdung.
Explorationsfragen & Beobachtungshinweise
Kontaktverhalten
Frage: „Wie geht es Ihnen gerade im Gespräch – merken Sie, dass sich das im Tagesverlauf verändert?“
Beobachten: Wechselnde Zugänglichkeit im kurzfristigen Verlauf dokumentieren.
Formale Denkstörungen
Frage: „Fällt es Ihnen gerade leicht, Ihre Gedanken zu ordnen?“
Beobachten: Wechsel zwischen kohärenten und sprunghaften Phasen, keine durchgehende Zerfahrenheit – wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Schizophrenie.
Wahn / relevante Inhalte
Frage: „Was beschäftigt Sie gerade am meisten – hat sich das in den letzten Stunden verändert?“
Beobachten: Wechsel und fehlende Systematisierung bzw. Bizarrheit der Inhalte.
Sinnestäuschungen
Frage: „Nehmen Sie manchmal Dinge wahr, die andere nicht wahrnehmen?“
Beobachten: Auftreten, Modalität und Wechselhaftigkeit dokumentieren.
Ich-Störungen
Frage: „Fühlen sich Ihre Gedanken gerade wie Ihre eigenen an?“
Beobachten: Bei F23.0 per Definition keine Ich-Störungen; deren Auftreten erfordert eine Umkodierung auf F23.1.
Affektivität
Frage: „Wie hat sich Ihre Stimmung in den letzten Stunden verändert?“
Beobachten: Ausgeprägte affektive Instabilität (Angst, Ekstase, Gereiztheit) als Kernmerkmal aktiv dokumentieren.
Antrieb / Psychomotorik
Beobachten: Fluktuation zwischen Unruhe- und Ruhephasen im Tagesverlauf.
Krankheitseinsicht
Frage: „Wie erklären Sie sich selbst, was gerade passiert?“
Beobachten: Reflexionsfähigkeit und Distanzierungsgrad.
Suizidalität / Fremdgefährdung
Frage: „Gab es Momente, in denen Sie an Suizid gedacht haben oder Angst hatten, sich oder andere zu gefährden?“
Beobachten: Aufgrund der raschen Fluktuation engmaschig und wiederholt erfragen.
FAQ
Auftreten auch nur eines schizophrenen Symptoms übersehen
Bereits ein einzelnes Symptom wie eine Ich-Störung erfordert die Umkodierung auf F23.1 – wird das übersehen, bleibt die Diagnose fälschlich F23.0.
Affektive Instabilität als eigenständige affektive Störung fehlklassifiziert
Die rasche affektive Fluktuation ist Teil der psychotischen Episode und sollte nicht vorschnell als Manie oder gemischte Episode umgedeutet werden.
Fehlende Dokumentation der Polymorphie selbst
Nur eine Momentaufnahme statt einer Verlaufsdokumentation über Stunden und Tage bildet das für F23.0 charakteristische Wechselbild nicht ausreichend ab.
Substanzinduzierte Psychose vorschnell ausgeschlossen
Ohne abgewartetes Toxikologie-Ergebnis wird eine substanzbedingte Genese mitunter zu früh verneint.
DUP nicht dokumentiert
Die Dauer zwischen erstem Auftreten psychotischer Symptome und Behandlungsbeginn ist prognostisch relevant, wird aber häufig nicht systematisch erfasst.
Übergangsrisiko zu Schizophrenie im Austrittsbericht nicht benannt
Ohne diesen Hinweis wird die Notwendigkeit einer ambulanten Verlaufskontrolle nicht ausreichend deutlich.
Organische Ausschlussdiagnostik bei dramatischem Akutbild verkürzt
Gerade bei sehr eindrücklichen, akuten Bildern wird die organische Abklärung unter Zeitdruck mitunter zu knapp gehalten.