F20.4 Postschizophrene Depression
Das Wichtigste in Kürze:
✓ Kernmerkmal: Eine depressive Episode, die im Nachgang einer schizophrenen Erkrankung auftritt. Mindestens einige schizophrene Symptome müssen noch vorhanden sein, dominieren aber nicht mehr das Bild.
✓ Leitsymptome: Gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Antriebsmangel, oft gepaart mit einer erhöhten Reflexion über die Krankheitsfolgen.
✓ ICD-11 Update: Wegfall des Subtyps. Einordnung unter Schizophrenie (6A20) mit expliziter Kennzeichnung der Dimension „Depressive Symptomatik“.
✓ Klinische Relevanz: Hohes Suizidrisiko! Die Phase der Remission von Positivsymptomen bei gleichzeitiger depressiver Verarbeitung gilt als kritischster Zeitraum für Suizidhandlungen.
✓ Doku-Tipp: Achten Sie auf die Abgrenzung zur Negativsymptomatik (Affektverflachung vs. depressive Niedergeschlagenheit) und zu extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen (EPMS) der Medikation.
Definition
Die postschizophrene Depression beschreibt eine depressive Episode, die im zeitlichen Anschluss an eine schizophrene Erkrankung auftritt. Die zuvor bestehenden floriden psychotischen Symptome (z. B. Wahn, Halluzinationen) sind weitgehend abgeklungen oder nur noch in abgeschwächter Form vorhanden.
Im Vordergrund stehen nun depressive Symptome, wie gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Hoffnungslosigkeit. Diese Phase ist klinisch besonders relevant, da sie mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen kann.
Die postschizophrene Depression ist keine eigenständige depressive Störung, sondern Teil des Verlaufs einer schizophrenen Erkrankung.
Diagnosekriterien nach ICD-10
Für die Diagnose F20.4 Postschizophrene Depression müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
1. Vorliegen einer schizophrenen Erkrankung
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Es besteht eine gesicherte Diagnose einer Schizophrenie (z. B. F20.0–F20.3)
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Die schizophrene Episode liegt zeitlich unmittelbar zuvor
2. Rückgang der psychotischen Symptome
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Wahn, Halluzinationen oder formale Denkstörungen sind:
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vollständig abgeklungen oder
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nur noch in milder, residualer Form vorhanden
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Die psychotischen Symptome stehen nicht mehr im Vordergrund
3. Auftreten einer depressiven Symptomatik
Über einen Zeitraum von mindestens mehreren Wochen bestehen depressive Symptome, z. B.:
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Gedrückte Stimmung an den meisten Tagen
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Interessen- und Freudverlust
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Verminderter Antrieb, schnelle Ermüdbarkeit
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Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle
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Schlafstörungen
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Appetitminderung
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Verminderte Konzentration
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Suizidgedanken oder Todeswünsche
4. Zeitlicher Zusammenhang
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Die depressive Symptomatik tritt nach der schizophrenen Episode auf
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Sie ist nicht unabhängig davon entstanden
5. Ausschlusskriterien
- Keine primär affektive Störung (z. B. Major Depression ohne Schizophrenie)
- Keine schizoaffektive Störung
- Keine substanzinduzierte Depression
- Keine depressive Episode als Nebenwirkung einer Intoxikation
Update zu ICD-11
In der ICD-11 gibt es die „postschizophrene Depression“ nicht mehr als eigenständige Unterform der Schizophrenie. Das Konzept wird durch ein dimensionales System ersetzt:
- Kodierung als Hauptdiagnose: Die Erkrankung wird weiterhin primär als 6A20 (Schizophrenie) kodiert.
- Affektive Dimension: Anstatt eines Subtyps nutzt die ICD-11 den Spezifizierer für „Symptomdimensionen bei primären psychotischen Störungen“. Hier wird explizit die Dimension „Depressive Symptome“ bewertet (6A20.y).
- Zusatzkodierung: Wenn die depressiven Symptome die Kriterien für eine depressive Episode vollständig erfüllen, kann zusätzlich eine Diagnose aus dem Bereich der affektiven Störungen gestellt werden.
Der Vorteil in der ICD-11: Es wird deutlicher unterschieden, ob die Depression Teil der Schizophrenie ist oder eine eigenständige komorbide Störung darstellt.