F20.1 Hebephrene Schizophrenie

Das Wichtigste in Kürze: 

✓ Kernmerkmal: Vordergrund stehen Veränderungen im Affekt (Stimmung) und im Antrieb, nicht Halluzinationen oder Wahn.

✓ Leitsymptome: Lappidischer (flacher/alberner) Affekt, desorganisiertes Denken und unvorhersehbares Verhalten.

✓ Beginn: Typischerweise im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter (15. bis 25. Lebensjahr).

✓ ICD-11 Update: Der Subtyp entfällt. Die Kodierung erfolgt als Schizophrenie (6A20) mit Fokus auf die Dimensionen „Desorganisation“ und „Negativsymptomatik“.

✓ Prognose: Gilt aufgrund des frühen Beginns und der oft schleichenden Entwicklung als prognostisch eher ungünstiger im Vergleich zur paranoiden Form.

✓ Doku-Tipp: Achten Sie auf die Abgrenzung zu Pubertätskrisen oder Persönlichkeitsentwicklungsstörungen; dokumentieren Sie gezielt die „Zerfahrenheit“ des Denkens und die „Affektinkongruenz“.

Definition

Die hebephrene Schizophrenie ist eine Unterform der Schizophrenie, die durch auffällige Störungen von Affekt, Denken und Verhalten gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zur paranoiden Schizophrenie stehen Wahn und Halluzinationen nicht im Vordergrund oder sind nur flüchtig ausgeprägt.

Typisch sind affektive Verflachung oder Inadäquatheit, kindlich-unangemessenes Verhalten, Desorganisation des Denkens sowie ein früher Beginn mit raschem sozialen Abbau.

Diagnosekriterien nach ICD-10

Für die Diagnose müssen über mindestens einen Monat eindeutige psychotische Symptome bestehen. Für die Diagnose einer hebephrenen Schizophrenie müssen die allgemeinen Schizophreniekriterien erfüllt sein, mindestens einen Monat eindeutige psychotische Symptome bestehen und das klinische Bild muss durch Affekt- und Denkstörungen geprägt sein.

Mindestens eines der folgenden Symptome:

  • Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder -entzug

  • Wahnvorstellungen (z. B. Verfolgungswahn)

  • Kommentierende oder dialogische Stimmen

Oder mindestens zwei dieser Symptome:

  • Anhaltende Halluzinationen mit Wahnbezug

  • Formale Denkstörungen

  • Katatone Symptome

  • Negative Symptome (Affektverflachung, sozialer Rückzug)

Andere Ursachen (z. B. Substanzen, organische Erkrankungen) müssen ausgeschlossen sein.

Update zu ICD-11

Mit der Einführung der ICD-11 wurde die Klassifikation der Schizophrenien grundlegend überarbeitet. Ein zentrales Element dieser Revision ist der Wegfall der klassischen Subtypen, zu denen auch die hebephrene Schizophrenie (F20.1) gehörte.

Aufhebung der Subtypisierung

In der ICD-10 wurde die hebephrene Schizophrenie durch frühen Beginn, affektive Verflachung, unangemessenes oder läppisches Verhalten sowie formale Denkstörungen charakterisiert. Diese Subtypisierung wurde in der ICD-11 aufgegeben, da sich klinische Symptomschwerpunkte im Verlauf häufig verändern und die Subtypen nur eine begrenzte prognostische Aussagekraft besitzen.

Neue ICD-11-Kodierung

In der ICD-11 wird die Erkrankung nun unter einem einheitlichen Code erfasst:

    • 6A20 Schizophrenie

Die Diagnose erfolgt ohne Benennung eines Subtyps. Stattdessen wird das individuelle klinische Erscheinungsbild mithilfe von Symptomdimensionen beschrieben.

Symptomdimensionen in der ICD-11

Zur differenzierten Beschreibung werden sogenannte klinische Spezifizierer herangezogen, unter anderem:

    • Negativsymptome (z. B. Affektverflachung, Antriebsminderung, sozialer Rückzug)

    • Desorganisation (z. B. formale Denkstörungen, inkohärente Sprache)

    • Positivsymptome (z. B. Wahn, Halluzinationen)

    • Kognitive Beeinträchtigungen

    • Psychomotorische Auffälligkeiten

    • Depressive Symptome

Ein klinisches Bild, das nach ICD-10 als hebephrene Schizophrenie (F20.1) diagnostiziert wurde, wird in der ICD-11 typischerweise beschrieben als:

Schizophrenie mit vorherrschenden Negativsymptomen und ausgeprägter Desorganisation

Bedeutung für die psychiatrische Dokumentation

Für die klinische Dokumentation ergeben sich daraus folgende Konsequenzen:

    • Der Begriff „hebephrene Schizophrenie“ kann weiterhin deskriptiv verwendet werden, insbesondere in Verlaufs- und Fremdanamnesen.

    • Kodiert wird jedoch 6A20 Schizophrenie, ergänzt durch eine detaillierte Beschreibung der dominierenden Symptomdimensionen.

    • Der Fokus der Dokumentation liegt stärker auf der aktuellen Symptomatik als auf einer statischen Subtyp-Zuordnung.

Übergang von ICD-10 zu ICD-11

In der Praxis wird häufig eine Parallelverwendung beider Klassifikationen beobachtet:

    • ICD-10 F20.1 im Rahmen von Abrechnung, Statistik oder historischer Diagnostik

    • ICD-11 6A20 für aktuelle diagnostische Einordnung und internationale Vergleichbarkeit